Das Institut für Nachrichtentechnik freut sich über die Bekanntgabe des "IEEE Arun N. Netravali Video Analytics, Technology, and Systems Award 2027", der an Jens-Rainer Ohm (RWTH Aachen), Gary J. Sullivan (Dolby Laboratories) und Benjamin Bross (Fraunhofer HHI) verliehen wird. Mit dieser Auszeichnung werden die führende Rolle der drei Preisträger bei der Standardisierung der Videokodierung sowie die Bedeutung des Standards gewürdigt, den sie gemeinsam mit der Videoindustrie erfolgreich entwickelt haben.
Prof. Dr.-Ing. Jens-Rainer Ohm, emeritierter Professor und ehemaliger Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik an der RWTH Aachen, Dr. Gary J. Sullivan, Director of Video Research & Standards bei Dolby Laboratories sowie Benjamin Bross, Leiter der Forschungsgruppe Videokodierungssysteme am Fraunhofer HHI, wurden vom Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), der weltweit größten technischen Fachorganisation und gemeinnützigen Einrichtung zur Förderung von Technologien zum Nutzen der Menschheit, als Preisträger bekannt gegeben. Die Auszeichnung wurde ihnen „für ihre Führungsrolle und ihre Beiträge zur Entwicklung des internationalen Standards High Efficiency Video Coding (HEVC)“ verliehen.
Die Entwicklung des HEVC-Standards brachte weltweit führende Experten und Expertinnen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU), der Internationalen Organisation für Normung (ISO) und der Internationalen Elektrotechnischen Kommission (IEC) in einem Team namens „Joint Collaborative Team on Video Coding“ (JCT-VC) zusammen. Prof. Ohm und Dr. Sullivan leiteten die Entwicklung des Standards, und Benjamin Bross war der leitende Redakteur des Spezifikationsdokuments. Gemeinsam koordinierten und lenkten sie einen Prozess, in dessen Rahmen Tausende technischer Beitragsdokumente von rund tausend technischen Experten und Expertinnen aus der internationalen Fachgemeinschaft analysiert wurden. Dabei wurden die technischen Eigenschaften des Standards innerhalb des JCT-VC im Konsens ausgewählt und weiter verfeinert. Ihre Federführung stellte sicher, dass der Standard für eine Umsetzung im Massenmarkt praxistauglich war und zugleich vollständig und detailliert technisch spezifiziert wurde.
Der HEVC-Standard, auch bekannt als H.265 und MPEG-H Part 2, stellt einen bedeutenden Fortschritt gegenüber seinem Vorgänger dar, dem zehn Jahre zuvor entwickelten und etablierten AVC-Standard. HEVC ermöglicht eine Reduzierung der für die Videokodierung erforderlichen Bitrate um etwa 50 % bei gleicher Bildqualität wie bei AVC. Nach koordinierten Forschungsarbeiten von Experten aus ITU-T- und ISO/IEC-Arbeitsgruppen wurde 2010 das JCT-VC gegründet, das intensiv an der Konzeption und Spezifikation des HEVC-Standards arbeitete und 2013 die erste Version fertigstellte. Der Standard wurde von der Industrie rasch übernommen. Er trug maßgeblich zur erfolgreichen Einführung mehrerer weiterer bedeutender Fortschritte in der Videotechnologie bei, darunter Ultra-High-Definition-Auflösung (UHD), 10-Bit-Videopräzision, High Dynamic Range (HDR) mit breitem Farbraum (WCG), hohe Bildraten und Video-Streaming-Dienste. Bis Ende 2015 unterstützten die meisten neuen PCs und Mobilgeräte sowie praktisch alle 4K-UHD-Fernseher bereits den bahnbrechenden HEVC-Standard.
Die Geschichte der Standardisierung der Videokompression war bislang von Bestrebungen zur Maximierung der Kompressionsleistung geprägt. Als die Entwicklung von HEVC begann, führten eine zunehmende Vielfalt an Diensten, die wachsende Beliebtheit von HD-Video selbst in mobilen Anwendungen sowie die aufkommenden Formate jenseits von HD (z. B. 4K×2K-Auflösung) zu einem noch stärkeren Bedarf an verbesserter Kompressionsleistung. HEVC wurde so konzipiert, dass es im Wesentlichen alle bestehenden Anwendungen früherer Standards abdeckt, wobei der Schwerpunkt insbesondere auf zwei Schlüsselthemen lag: der erhöhten Videoauflösung und dem verstärkten Einsatz paralleler Verarbeitungsarchitekturen. Zwar ist HEVC das Ergebnis einer gemeinsamen Entwicklung durch ein großes Expertenteam, doch ist es die herausragende Leistung der Projektleiter und des Chefredakteurs, die Entwicklung des resultierenden Standards in die von der Industrie benötigte Richtung zu lenken und dabei auf die Verarbeitungsfähigkeit von Echtzeitsystemen abzustimmen.
Der HEVC-Standard hat sich in mehreren Ländern, darunter Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen, Kroatien und der Tschechischen Republik, zum primären Videoübertragungsformat entwickelt. Er wurde neben den Spezifikationen der ITU, ISO und IEC auch in die Branchenspezifikationen vieler anderer Organisationen übernommen, darunter 3GPP, die 8K Association, ANSI/SCTE, ARIB, ATSC, BD ROM, CTA/CEA, Digital UK, ETSI/DVB, ETSI/EBU, IETF, NATO, MISB und das Ultra HD Forum. Decoder mit geringem Stromverbrauch sind bei praktisch allen Herstellern von Videochips erhältlich, und die Codierung wird in nahezu allen professionellen Videoproduktions-Workflows unterstützt. Die NASA gab im März 2026 sogar bekannt, dass ihr Streaming-Dienst „NASA+“ HEVC nutze, darunter auch für das Videomaterial zur bemannten Artemis-II-Mission jenseits der Mondumlaufbahn, wodurch der Standard nicht nur weltweit, sondern auch im Weltraum zum Einsatz kommt.
HEVC wird mittlerweile von mehr als 90 % der derzeit hergestellten Fernseher, PCs, Mobiltelefone und Webbrowser unterstützt und findet breite Anwendung bei Streaming-Anbietern, Fernsehsendern, Videoaufzeichnungsgeräten und Videoüberwachungs-systemen. Die Entwicklung des HEVC-Standards wurde 2017 erstmals mit einem Primetime Engineering Emmy Award für das JCT-VC ausgezeichnet. Ende 2023 schätzte Futuresource Consulting, dass „über 96 % der heute verkauften Videoprodukte für Endverbraucher über eine HEVC-Wiedergabefunktion verfügen, was jährlich insgesamt 2,3 Milliarden Endgeräten entspricht; und diese Zahl steigt von Jahr zu Jahr“. Die enorme Bedeutung effizienter Videokompressionstechnologie wird deutlich, wenn man bedenkt, dass etwa 80 % des Datenverkehrs in den weltweiten Kommunikationsnetzen mittlerweile aus Videodaten besteht. Im April 2026 berichtete NETINT, dass der Anteil der Videofachleute, die HEVC nutzen oder dessen baldigen Einsatz planen, sich der Sättigungsgrenze nähert und damit den Anteil jedes anderen Videoformats übertroffen hat.
Das Institut für Nachrichtentechnik gratuliert Jens-Rainer Ohm, Gary J. Sullivan und Benjamin Bross zu dieser Anerkennung durch das IEEE, die die globale Bedeutung des HEVC-Standards unterstreicht.